Utopsie

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Lützerath für Außenstehende Teil 1 – Was ist die Utopie in Lützerath?

Die Sonne geht auf über der Grube und bringt die weißen Wolken der Kraftwerke am Horizont zum Leuchten. „Sag mal, was sagst du eigentlich zu Ulrike Herrmanns Ansatz, die Wirtschaft zu schrumpfen?“, höre ich die Person sagen, mit der ich seit heute früh um fünf am Tonnenfeuer sitze und eine der Zufahrtsstraßen bewache.

Eine normale Frage hier in Lützerath, wo ein paar Baumhäuser, ein Zelt mit Flyern und besetzte Scheunen verhindern, dass ein weiteres Dorf für den Braunkohleagebau Garzweiler abgerissen wird – zumindest noch. Hier sammeln sich seit Jahren Proteste – begonnen mit einem Protestcamp auf einer der Wiesen im Dorf 2015. Später, nachdem bereits die ersten Bewohner*innen umgesiedelt und Häuser abgerissen waren, bildete sich eine Mahnwache an der immer näher rückenden Abrisskante. Von dort aus sammelten sich immer mehr Aktivist*innen in dem kleinen Dorf, bis zu dem Punkt, dass heute ein kleines neues Dorf parallel zu dem alten und mittlerweile teils abgerissenen[1] entstanden ist: Wie die Ewoks sammeln sich Aktivist*innen in Baumhäusern und selbstgebauten Holzschuppen in den kleinen Waldstücken hinter den Häusern, die mittlerweile alle RWE gehören[2]. Und sie gehen davon aus, dass sie hier nicht mehr lange sitzen. Zwar wurde die Anmeldung der Mahnwache, der einzig offiziellen Demonstration hier, noch einmal bis Ende November verlängert – doch die Aktivist*innen wissen so gut wie die Polizei, dass sie bis Ende der Rodungssaison Ende des Winters geräumt sein müssen, womit es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Polizei vor der Tür steht und die Siedlung räumt.

Kleine editorische Randnotiz: Diese Eindrücke sind der Stand der zweiten Novemberwoche 2022, nicht der zum heutigen Zeitpunkt der Räumung.

Hier will ich aber nicht zu tief in die aktuelle Lage gehen. Mich interessiert eher, was dieses Lützerath eigentlich ist, wie es funktioniert und wie die Menschen hier sich die Utopie vorstellen, die sie versuchen zu errichten. Was also bedeutet Lützerath, außer als Symbol? Warum ist es ein Symbol – und für wen?

Hier will ich vor allem darüber schreiben, wo die Utopie zwischen den Holzhütten liegt und wie sie gelebt wird. Denn was Lützerath so wichtig macht kann nicht im Kohlestaub der Grube entdeckt werden.

Für alle Aktivisti die gerade Schnappatmungen bekommen: Dabei gehe ich natürlich nicht auf Individuen oder einzelne besprochene Themen ein, keine Namen und keine Strukturen.

  1. Was ist die Utopie in Lützerath?

Was also ist die Utopie an diesem Ort? Lützerath ist sich da nicht ganz einig. Anders als andere Orte scheint Lützerath wie ein Sammelbecken unterschiedlicher Strömungen.

„Niemand hasst einen linksradikalen so sehr wie ein Linksradikaler.“ Mag sonst oft der Leitspruch der Szene sein – doch irgendwie scheint diese Frage hier für einen Moment unter dem Banner des gemeinsamen Feindes in Essen[3] zu ruhen und einzelnen Fragestellungen werden einfach ausdiskutiert. Ein Mensch beschrieb die Situation in Lützerath wie einen melting pot, eine andere Person drückte aus, dass es auf manche Fragen hier einfach keine Antwort geben könne, weil Lützerath keine Bewegung und vor allem keine Organisation sei, sondern ein Ort, den sich die Szene spezifisch zu verteidigen vorgenommen habe.

Besteht also einfach nur Einigkeit darin, uneins zu sein? Nicht ganz. Auch das käme Lützerath zu kurz, denn es besteht noch immer Einigkeit in zwei wesentlichen Konstanten: Alle sind links und jede*r darf machen, was mensch will.

Und es funktioniert. Zumindest weitestgehend gibt es keinen offenen Streit, keine Herrschaft und keine Unterdrückung – bis auf wenige Ausnahmen. Aber dazu später mehr.


[1] Fotoreihe zum Abriss: http://garzweiler.com/luetzerath/.

[2] Weiteres zur Geschichte der Demonstrationen auch unter https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCtzerath.

[3] Firmensitz von RWE.