Ich bin wieder zurück am Rand der Braunkohlegrube. Nach Lützerath herein kommt man seit heute (11.01.) nicht mehr, doch es ist ein zweites Camp entstanden: Auf einem Fußballfeld nahe des Unser Aller Wald im Dorf Keyenberg steht jetzt Unser Aller Camp. Die Wiese, nach eine Woche mehr eine Matschlandschaft, ist gefüllt mit wild umherwuselnden Menschen. Eine neue KüFa (Küche für Alle) ist entstanden, die zwischen ein paar weißen Zelten hin- und her springend Gemüse schneidet, Kaffee und Essen kocht und Töpfe spült – für ca. tausend Leute. Berge an Salat, Kürbis und Lauch werden von zwanzig Freiwilligen verarbeitet, die stehend und sitzend schnippeln, in Töpfen rühren und sich über Spülwannen beugen.
Knöcheltief im Matsch versinkend sammelt sich daneben eine Gruppe junger Menschen mit gelben Helmen. Sie schlagen Metallstangen in die Erde , um daran ein Zirkuszelt in die Höhe zu ziehen, damit ein neuer Planungsort für die hektisch angereisten Aktivist*innen entsteht. Gut drei Viertel der Wiese sind mit Zelten vollgestellt um Unterkunft für die Menschenmassen zu schaffen. Daneben stehen weiße Sanitätszelte und ein kleineres Zirkuszelt als erste Anlaufstelle und Infopoint. Eine Kette Campbewohner*innen in schlammigen Matschhosen reicht 2kg-Säcke Nudeln von Person zu Person zu einem Lagercontainer durch, der auf Stelzen im Matsch hinter den Küchenzelten steht. Überall herrscht rege Betriebsamkeit, denn seit heute morgen macht die Polizei ernst.
Es ist gar nicht leicht, im Camp an halbwegs verlässliche Informationen über das Geschehen im ungefähr vier Kilometer entfernten Dorf zu kommen, doch nach allem, was sich herumgesprochen hat will die Polizei einen Zaunwall um Lützerath herum errichten – zwischen einer ersten und einer zweiten Zaunreihe soll ein Streifen errichtet werden, in dem die Polizei mit Hunden patrouilliert. Doch die Informationen sind mehr Gerüchte – niemand weiß genau, was im Dorf vor sich geht.
Wenn man die Landstraße daran vorbeifährt sieht man nur eine endlose Kette an Polizeiautos als blauen Kreis, der die graue Insel des Dorfs mit anschließendem Wäldchen von der grünen Wiese abschottet.
Beim Schnippeln erzählt ein Aktivist davon, dass er die letzten Tage noch in Lützerath untergekommen sei und heute morgen dort vom Alarm geweckt wurde. Er erzählt, wie sie hochschreckten und direkt in eine Blockade gerieten. Ihre Rucksäcke lägen noch im Dorf – doch dort komme gerade niemand mehr hinein. Er sei am Morgen in einer Menschenkette gewesen, die binnen Sekunden von der Polizei zertrennt wurde, nachdem irgendjemand einen Molotowcocktail gezündet habe. „Und dann hatten sie richtig Bock“. Am Anfang sei wohl eine Batterie Silvesterfeuerwerk von einzelnen in Richtung der Polizei abgefeuert worden. „Da muss man im Blick behalten“, gibt ein anderer zu bedenken: „Ob die am Ende dann in einen Polizeiwagen steigen oder nicht.“ Er erzählt, dass es bei anderen Aktionstagen auch schon die Situation gegeben habe: Dass die Polizei Zivis eingeschmuggelt habe, um „false flag Aktionen zu starten“, um einen härteren Einsatz der Polizei zu legitimieren. Überprüfen lassen sich solche Aussagen und Gerüchte natürlich nicht, doch Berichte darüber sind keine Seltenheit.